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Schön sonnig und angenehm schattig-warm, so wartete heute der Wald auf mich und aus dem geplanten Kurzspaziergang wurde eine halbe Tagestour.
Den ersten Teil der Strecke bezeichne ich gerne als „Ameisenweg“ wegen der unglaublich vielen Ameisenhügel, die in Wegesnähe liegen. Wenn man ruhig steht, kann man neben dem Zwitschern der Vögel ein ganz besonderes Geräusch hören: das Geräusch von unzähligen zarten Bewegungen auf trockenem Laub und Gras. Es ist ein leichtes Sirren, das sich nicht wirklich in Worte fassen lässt. Auf einem solchen Hügel wuselt es so derart, dass der ganze Bau einer wogenen Masse gleicht. Faszinierend, aber auch ein wenig beängstigend und für mich immer wieder eine Ermahnung, sich nicht nur ameisengleich der täglichen und pausenlosen „Wuselei“ hinzugeben, sondern auch Pausen einzulegen, durchzuatmen und nach dem eigenen Herzen zu leben.

Der zweite Teil meiner Strecke führte mich anschließend tiefer in den Wald hinein, in ein Gebiet, in dem man zu dieser Jahreszeit dem Fingerhut begegnen kann, der hier vereinzelt oder in Gruppen wächst – manchmal direkt am Weg, manchmal in einer kleinen abgeschiedenen Lichtung zwischen den Bäumen.

Der Fingerhut ist eine ganz besondere Pflanze, die mich ebenfalls sehr fasziniert, da sie mir in der Vergangenheit schon mehrmals geholfen hat, eine schwierige Entscheidung zu treffen, bei der ich weder über den Verstand, noch über den Bauch weiter kam. Ich möchte euch deshalb erzählen, wie man (auch ohne eine schamanische Reise durchführen zu können), in Kontakt mit dem Fingerhut treten kann und dabei die Pflanze nicht mal abernten muss.

Wichtig ist, dass man sich viel Zeit für diese Begegnung nimmt. Am besten lässt man sich in der Nähe der Pflanze nieder und versucht erst einmal, zur Ruhe zu kommen und an der betreffenden Stelle im Wald überhaupt anzukommen. Ein probates Mittel hierfür ist Trommeln; wer keine Trommel hat oder sich in der Öffentlichkeit nicht traut, der kann sich auch durch Beobachten des Platzes mit möglichst vielen Sinnen (also Sehen, Hören, Riechen, Ertasten des Bodens) einstimmen. Nach einer Weile sollte man seine ganze Aufmerksamkeit auf den ausgewählten Fingerhut lenken – aber bitte nicht anfassen.
Man nähert sich der Pflanze im Geist dabei so an, wie man auch einem anderen Menschen begegnen würde, von dem man einen Rat oder dessen Unterstützung erbitten möchte – also respektvoll und nicht etwa fordernd-aufdringlich.
Es kann eine ganze Weile dauern, bis man spürt, dass von der Pflanze etwas zurückkommt und dass der Fingerhut bereit ist, zu helfen. Dann ist es am besten, die Augen zu schließen, dabei aber in Kontakt mit der Pflanze zu bleiben und sie sich möglichst bildhaft vorzustellen. Wer möchte, kann sich hinlegen, denn genau das visualisiert man im nächsten Schritt: man schrumpft sich auf Winzlingsgröße und darf es sich in einem der Hüte bequem machen.
Liegt man gemütlich im Hut, stellt man sich die erste Entscheidungsmöglichkeit für das anstehende Problem vor. Und der Fingerhut hilft einem dabei, die Situation nicht etwa mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen zu „sehen“. Man merkt also sehr deutlich und direkt, welche Gefühle man selbst mit dieser Entscheidung verbinden würde. Hat man das Gefühl verinnerlicht, kann man sich der nächsten Entscheidungsmöglichkeit zuwenden. Und so macht man alle Alternativen durch.
Bevor man den Fingerhut wieder verlässt, sollte man sich für seine Hilfe bedanken und sich anschließend seinen Rat natürlich auch „zu Herzen nehmen“.

Sehr interessant und überhaupt nicht überraschend finde ich, dass die Wirkstoffe des Fingerhuts – Digitalis – in der medizinischen Anwendung bei Herzschwäche eingesetzt werden. Denn im übertragenen Sinne geschieht bei der oben beschriebenen „Anwendung“ ja dasselbe: man bekommt Hilfe, sich „ein Herz zu fassen“ und sich in Einklang mit dem eigenen Empfinden zu entscheiden; gerade auch in „Herzensangelegenheiten“, bei denen der Verstand nicht helfen kann oder die Stimme des Herzens zu leise, also zu schwach ist.

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