Genug jetzt!, scheint sie mir zuzurufen. Sieh mich an! Ich habe alles gegeben!
Und tatsächlich, wenn mein Blick über ihren Körper streift, dann sehe ich, dass es stimmt.
Ihre großen Brüste sind noch immer voll, aber die Schwerkraft zieht sie unerbittlich zu Boden. Wieviele Menschen, Dinge und Projekte wurden hier schon genährt? Wieviele Kinder hat sie aus diesem Leib gepresst, der mit jeder Geburt ein wenig weiter wurde, ein wenig geburts-gelehriger, aber auch schlaffer? Wieviel Wärme, Weichheit und Trost gespendet?
Auch die Beine scheinen nicht mehr weiter laufen zu wollen. Selbst das Stehen scheint zu unausgeglichen, zu mühsam. Der runde Leib will sitzen, vielleicht sogar liegen, aber ganz sicher nicht mehr tragen und so scheinen die kleinen Knubbelknie unter der Last fast zusammenzubrechen, die Füße gar nicht mehr sichtbar zu sein.
Ihr Gesichtsausdruck ist nicht zu deuten. Mal kann er stolz sein und voller Zärtlichkeit auf das Geborene und Hochgepäppelte blicken. Mal traurig Abschied nehmen. Er kann zornig sein oder einfach leer vor Müdigkeit.
Die dünnen Ärmchen wollen nicht mehr heben oder halten; das haben sie in der Vergangenheit getan. Angepackt, gebaut, erkämpft, beschützt. Jetzt ruhen sie sich auf den schweren Brüsten auf. Scheinen den eigenen Körper zärtlich zu umfassen, um sich selbst den Trost und die Wärme zu geben, die gerade benötigt wird. Es reicht.

Ja, eine „Venus von Willendorf“ hab ich mir gehäkelt.
Wieviel wurde schon über sie mutmaßt und geschrieben… von steinzeitlicher Göttin, über Urmutter bis zum prähistorischen Dildo.
Für mich ist die „Venus“ die Darstellung eines Zustands, den wohl jeder kennt. Nämlich der Zustand, in den man fällt, wenn alles getan ist. Wenn etwas fertig ist, endet oder auch keine Kraft mehr da ist, um daran weitermachen zu können.
Tauche ein in die Ruhe!, möchte sie einem sagen. Zieh Dich zurück, lecke Deine Wunden wenn nötig, suche nach Dir selbst und nimm Dir die Zeit, Dich zu erneuern. Verwöhne Dich selbst, Du hast es Dir verdient. Und vielleicht past Du ja beim nächsten Mal ein wenig besser auf Dich auf.

Wer sich seine eigene kleine „Venus“ häkeln möchte, der findet auf Ravelry eine kostenpflichtige, englischsprachige Anleitung („Melbangel’s Venus von Willendorf“). Das Häkeln ist nicht allzu schwer und hat mir viel Spaß gemacht; man sollte feste Maschen und halbe Stäbchen kennen, sowie Zu- und Abnahmen. Allerdings braucht es ein wenig Zeit, bis die kleine Trösterin fertig ist.

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