Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich versuche, das Glück festzuhalten. Obwohl ich doch genau weiß, dass das unmöglich ist, dass es fließen will und auch vorübergehen muss, damit man es beim nächsten Mal wieder genießen und wertschätzen kann.
So kleine Dinge wie eine Handspindel machen mir dann wieder klar, dass das einfacher gesagt, als getan ist.

Vor einigen Wochen erlag ich den Verlockungen des schnellen Internethandels und bestellte mir bei Alvaras Kleiner Laden eine Spindel. Bisher hatte ich nur eine einzige Spindel, auf der ich das Handspinnen gelernt habe, die mich auf Mittelaltermärkte begleitet hat und auf der ich meine dicken Garne für schamanische Kraftobjekte und für’s Nadelbinden gesponnen habe. Dabei haben mir Spindeln aus wunderschön gemasertem Holz schon immer gut gefallen, waren mir aber gleichzeitig zu teuer gewesen. Mit dem Einzug des Spinnrades und der damit verbundenen Bequemlichkeit büßten die Handspindeln dann erst mal einen Großteil ihrer Attraktivität für mich ein. Doch als ich diese günstige Kopfspindel mit den netten (ich vermute mal laser-geschnittenen) Wirtelmotiven sah, musste ich spontan zuschlagen.

Einen Kammzug in Rot- und Pinktönen hatte ich aus einer anderen Bestellung noch rumliegen, vermischte ihn kurzerhand mit den knallroten Merino-Resten, die noch vom Villimarjatar-Projekt übrig waren, und schon war das Spindelchen nicht mehr zu bremsen. Es drehte wie eine Eins und fabrizierte hauchdünne Fädelchen, an die ich mit meiner alten Spindel nicht mal zu denken gewagt hätte. Und es machte Spaß!

So viel Spaß, dass ich mit Spinnen aufhörte. Ja, ernsthaft, ich erwischte mich tatsächlich bei dem Gedanken, besser wieder mit dem Spinnen aufzuhören, um so noch ein wenig Fasern für das nächste Mal übrig zu haben. Und um die schönen Farben und den mühelosen und unkomplizierten Ablauf noch zu einer späteren Gelegenheit genießen zu können. Also schlich ich immer wieder um die Handspindel herum, nahm sie in die Hand, sponn ein wenig, nur um sie nach kurzer Zeit wieder wegzulegen und mich auf später zu vertrösten. Wohlgemerkt – wir reden hier über einen Zeitraum von mehreren Wochen! Bis mir endlich klar wurde, dass ich mich selbst um mein Vergnügen brachte und mich schließlich völlig dem Rausch hingab: ich versponn das ganze Bündel Fasern in kürzester Zeit, um am Schluss mit rotgeäderten Augen, aber zufrieden-verklärtem Blick auf den dicken, gewölbten Bauch der schwangeren Spindel zu schauen.

Ein Lace-Strickjäckchen sollte es werden, beschloss ich spontan und wickelte den zarten Faden ab. Der Angel-Tiefenmesser, zum Garnmeter umfunktioniert, drehte sich eifrig mit, blieb dann aber bei unglaublichen 160m stehen. 160m??!! Nie und nimmer waren dies 100g Fasern gewesen! Betrug!! Man hatte mich hintergangen!!!
Ich rannte zum Karton, um zwischen den noch verpackten Fasern nach der Rechnung zu wühlen und was fiel mir da in die Hände? Die Tüte mit den restlichen 80g des Kammzugs. *hüstel*
Ich Hirn hatte doch tatsächlich nur einen kleinen Teil herausgenommen, mit der roten Merino vermischt und versponnen, nur um darüber den restlichen und größten Teil der Fasern völlig zu vergessen.
Das ist ja einerseits schön, weil es mir die Möglichkeit gibt, nochmal in die spinnerten Gefilde zu versinken, stellt mich aber gleichzeitig vor Farbprobleme, weil ich jetzt keine roten Merino-Reste mehr habe, was man im fertigen Garn zweifellos sehen wird.

Und die Moral von der Geschicht?
Ein „fusus interruptus“ verlängert das Vergnügen nicht etwa, sondern führt zu unerwünschten Ergebnissen! 😉

Kleiner Nachtrag:

Da zwischen dem Schreiben und dem Veröffentlichen dieses Textes ein wenig Zeit lag, ist das Garn mittlerweile schon fertig. Ich habe es „Sommerbeere“ getauft.

Advertisements