Nach der Fertigstellung des Schärrahmens stand einer ersten Kette für den Glimåkra nichts mehr im Wege und so machte ich mich – bewaffnet mit meiner deutschsprachigen Web-Bibel, dem „Handbuch Weben“ von Erika Arndt auf den Weg.

Mein erstes Übungsmaterial sollte billig sein. Deshalb griff ich zum klassischen Polyesterstrickgarn: „Bravo“ von Schachenmayer.
Eine erste Lineal-Wickelprobe ergab (locker gewickelt) 5-6 Fäden auf 1cm, was bei einer Leinwandbindung 2.5 bis 3 Kettfäden pro 1cm bedeuten würde. Nun wollte ich aber doch ein wenig mit Köper experimentieren (wofür hat man schließlich mehrere Schäfte?!), weshalb ich so Pi mal Schnauze bei 4 landete, was doch eigentlich prima zum meinem (einzigen) 40/10er Webkamm passte. 😀 Okay, ich gebe zu, diese Schätzung hat keinerlei webtechnischen Hintergrund, sondern ist einfach nur schöngeredet… aber hei, das gibt doch nur ein Probestück!!!

Gemäß der Anleitung von Fr. Arndt schärte ich mit 2 Fäden gleichzeitig – anders als ich das bisher bei meinen Backstrap-Ketten gemacht habe, deren Fäden ich einzeln um die Schärpunkte gewickelt habe. Dadurch übersah ich leider eine Kleinigkeit: ich habe nämlich nicht darauf geachtet, dass sich die zwei Fäden beim Schären nicht miteinander verdrehen. Es könnte durchaus sein, dass das passiert ist und dann vermute ich mal, dass an irgendeiner Stelle Probleme auftauchen werden.

Auf jeden Fall sah die Kette ganz passabel aus und ich schaffte es, einen netten Zopf zu schlingen (von dem ich hoffte, dass er sich ohne Knoten wieder auflöst). Leider las ich erst 5 Seiten später, dass empfohlen wird, das Fadenkreuz ca. 40-50cm hinter den Beginn zu legen, da es sich u.U. schwer nach hinten schieben lässt. Natürlich habe ich das nicht gemacht und auch das könnte somit zum Problem werden.

Das nächste Hindernis kam in Form des Reedekammes auf mich zu. Um die Kette gleichmäßig und in der richtigen Breite wickeln zu können, wird bei Fr. Arndt ein Reedekamm benutzt. Alternativen: keine.
Nun habe ich leider noch keinen Reedekamm. Die Krampen (das sind U-förmige Nägel) für den Selberbau sind bestellt, aber leider nicht mehr rechtzeitig vor dem Wochenende gekommen. Ein Blick in mein zweites Webbuch, „The Big Book of Weaving“ von Laila Lundell, offenbarte schließlich eine denkbare Lösung.

Hierbei wird der Webkamm als Reedekamm benutzt. Was ja erst mal nicht schlecht klingt, aber dazu führt, dass man das Blatt aus der Hängeladen bauen und zweimal stechen muss, was mir irgendwie umständlich erschien.
Aber vielleicht würde ja auch ein Gatterkamm meines Webrahmens ausreichen? An eine Latte gebunden?
Bei 4 Fäden pro cm sollte ein 20/10 doch genau passen: durch jeden Schlitz können die 4 Fäden eines kompletten Ganges gezogen werden.

Also nahm der „Reedekamm-Blattstich“ seinen Lauf und tatsächlich wirkte das Ergebnis ganz passabel.
Spätestens jetzt war der Moment gekommen, an dem ich an den Webstuhl herantreten musste. Und der Moment, von dem beide Bücher unisono empfohlen, die Schäfte von den Querschemeln zu lösen. Da hatte ich nun die komplette Verschnürung den gesamten Transport, Ab- und Aufbau mühsamst geschützt und erhalten, nur um dann die Verbindungen zu lösen?????
2 Kaffee später war ich bereit. Erst als ich die Knoten in der Mitte der Verschnürung genauer in Augenschein nahm, fiel mir auf, dass diese ein genial einfaches „Zuzieh-System“ aufwiesen, so dass ein späteres Wiederverbinden nicht allzu schwer sein sollte.

Stück für Stück ließ ich die Querschemel auf die Tritte nach unten sinken. Die Schäfte waren damit frei und ich konnte sie nach oben wegrollen. Nach dem Entfernen der Hängelade lag der Webstuhl nackig vor mir und ich hatte freie Bahn für das Bäumen.

Nun musste der hintere Teil der Kette an der Schürze des Kettbaums befestigt werden. Fr. Arndt sprach hierfür von einem Peitschenstock – auch dies ein Teil, das nicht vorhanden schien. Doch diesmal versprach die Herstellung einfach zu werden: ein langer Stock, rechts und links ein Loch reingebohrt, ein Nylonseil eingezogen, fertig. Dafür reichten sogar meine Bohr-Unkünste und mein kleiner Dremel aus.

Noch den Stab an der Kette eingezogen und ich konnte mich an die Festschnürung des Peitschenstocks an der Schürze machen; den improvisierten Reedekamm parkte ich derweil auf zwei Latten.

Als auch das geschafft war, konnte ich die Kettfäden aufwickeln. Beide Bücher empfahlen einen Helfer, der die Kette mittig auf Zug hält, doch leider war kein solcher Helfer zur Hand und meine Neugier zu groß, um mich davon abhalten zu lassen. Also stieg ich in den Webstuhl, versuchte mit der linken Hand die Kette zu halten, während ich mit der Rechten und mit dem Fuß am Kettbaumrad drehte; so ein bisschen kam ich mir ja vor wie Pinocchio. Stück für Stück, immer wieder unterbrochen durch das Einlegen einer Leiste, wickelte ich die Kettfäden um den Baum. Leider gelang es mir nur sehr beschränkt, die Fäden in der Mitte zu halten und so ergab sich ein Versatz von Runde zu Runde… vermutlich wird das ein weiteres Problem aufwerfen.

Nun konnte ich den Reedekamm-Ersatz hinter die Schäfte binden. Im Arndt-Buch werden als nächstes die Geleseleisten in das Fadenkreuz eingelegt und auch das gelang mir noch. Auch das Nach-hinten-Schieben funktionierte, so dass Problem 2 (s.o.) nun doch kein Problem war.
Und eigentlich wäre ich nun bereit für den Einzug gewesen, wenn ich denn gewusst hätte, wohin mit den riesigen Geleseleisten. 15cm Kette zu 1,20m Leiste – das trägt sich nicht von selbst. 2 Seiten später löste sich auch dieses Hindernis in Luft auf, denn dort konnte ich lesen, dass die Geleseleisten zwischen Schäfte und Reedekamm gehängt werden.
*grummel* Schon das Hochbinden des Reedekammes mit nur 2 Händen war schwierig gewesen, wurde aber durch die Geleseleisten noch getoppt. Und vermutlich sind sie auch noch viel zu hoch gebunden.
Abschließend traute ich mich, die Endschlingen der Kette aufzuschneiden und bündelweise lose zu verknoten.

Fazit:

  • Ich habe eine Kette gebäumt! *freu*
  • Vermutlich war alles fürchterlich umständlich und ob sich die Kette als webtauglich erweisen wird, weiß ich noch nicht
  • Ich muss ganz dringend Knoten lernen
  • Ob ich es wohl schaffe, dass mir noch ein zweites Paar Arme wächst????
  • Was im Buch mit lockeren vier Seiten beschrieben wird, hat mich einen kompletten Nachmittag gekostet
  • Den Litzeneinzug mach ich ein ander Mal… wo ist der Dornfelder?
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