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Ich mag dicke, weiche, unregelmäßige und farbige Garne. Am liebsten für das Weben von Teppichen und Decken, aber auch für gestrickte Winterpullis, Schals und Mützen. Auch wenn mein Webstuhl noch lange nicht fertig ist, schreit doch mein Webrahmen nach Futter und so habe ich mir in den letzten Tagen überlegt, das Garn für mein kommendes Kissen-Projekt selbst spinnen zu wollen. Mein Käferchen (ein Schacht Ladybug) und ich sind zwar bisher sehr gut miteinander klargekommen, aber was die wirklich dicken Garne angeht, bin ich doch an ziemliche Grenzen gestoßen. Also habe ich in den sauren Apfel gebissen und mir in meinem Lieblings-Online-Spinnradshop ein Bulky-Plyer-Flyer-Set bestellt. Und schon zwei Werktage später konnte ich das Prachtstück entpacken und mich an der kostenlosen Dreingabe eines Merino-Soja-Funnies erfreuen.

Und was soll ich sagen: die neue Bulky-Spule ist wirklich ein Riese unter den Spulen! Laut Herstellerangaben fasst sie runde 225g.

Die beiliegende Anleitung bestand aus dem für Schacht obligatorischen DIN-A4-Blättchen auf Englisch, aber Anleitungen sind ja etwas für Warmduscher und nach einem kurzen Blick auf das Blatt hatte ich den alten Spinnkopf auch rucki-zucki abgebaut. Dafür grübelte ich um so länger über die Funktion einer schwarzen Plastikschraube auf der Rückseite des neuen Frontmaidens und entschloss mich schließlich, sie geflissentlich zu ignorieren.
Nachdem ich dann den neuen Spinnkopf angeschraubt hatte, machte ich einen leeren Test-Freilauf. Der Flyer begann sich zu drehen, die Spule stand still, es schliff fürchterlich. Also begann ich zu experimentieren. Ich entdeckte die Funktion der schwarzen Plastikschraube als Abstandshalter des Flyers. Okay – ich gestehe: es steht in der Anleitung.
Leider muss man jedesmal den Frontmaiden halb abbauen, um die Schraube drehen zu können und so verbrachte ich geraume Zeit mit der Feinabstimmung. Halbe Drehung um halbe Drehung wuchs der Abstand zum Einzug, aber der Flyer drehte sich nur minimal leichter und die Geräuschkulisse blieb schauderhaft. Der Handzettel schlug als letzte Lösung das Lockern der Schraube an der Einzugsöffnung vor und so lockerte ich, bis sie mir fast entgegenkam – leider auch ohne feststellbare Veränderung.

Mein nächster Gedanke war, die neue Spule durch eine Standardspule zu ersetzen und tatsächlich wurde hierdurch das Schleifgeräusch ein wenig besser.
Ja, es ist peinlich, aber ich kam tatsächlich erst auf den Gedanken, den neuen Flyer zu ölen, als ich den normalen Spinnkopf wieder montiert hatte um einen „Vergleichs-Spinn-Hörtest“ durchführen zu können. Und siehe da: es flutschte gleich viel besser.
Endlich konnte ich also die ersten Spinnversuche mit der angefangenen, dünnen Spule unternehmen. Ungünstigerweise hatte ich auf dieser Spule zuvor Baumwolle versponnen und was sich auf dem Standardflyer im einfädigen Betrieb problemlos verspinnen ließ, entpuppte sich auf dem Bulky-Flyer als nahezu unspinnbar. Der dünne Faden schlackerte unruhig und ruppig in der riesigen Einzugsöffnung hin und her, das Spinngeräusch war um ein vielfaches lauter als normal und irgendwie wollte es mir kaum gelingen, genügend Drall auf die Baumwolle zu bekommen, bevor sie abriss. Der Bulky-Plyer-Flyer scheint nicht für hohe Geschwindigkeiten gemacht zu sein. 😦

Also weg mit dem dünnen Faden und her mit dem Waldschaf-Kammzug.
Tatsächlich lief das Spinnen damit sehr viel besser und leiser, was nicht zuletzt an der geringeren Geschwindigkeit gelegen haben dürfte. Auch das anschließende Verzwirnen verlief ohne Probleme. Warum der Handzettel einen besonderen Verlauf des Bremsfadens beim Spinnen entgegen des Uhrzeigersinns vorschlägt, kann ich allerdings nicht nachvollziehen.
Etwas gewöhnungsbedürftig waren die Sliding-Hooks am neuen Flyer. Zum einen sind sie geschlossen, das Garn muss also durchgefädelt werden. Zum anderen ist „sliding“ eine ziemliche Fehlbezeichnung. Gleiten tut da mal gar nix. Auch wenn man die Schrauben so weit wie möglich aufdreht, ist der Widerstand beim Weiterdrücken in die nächste Mulde doch ziemlich groß. Durch den „Überwindungsrucker“ landet man dann fast automatisch in der nächsten Mulde, was ein stufenloses Einstellen kaum möglich macht, aber zugegebenermaßen bei dickem Garn sowieso nicht notwendig sein dürfte.

Alles in allem bin ich mit der Leistung des „Riesendings“ für Dickes und Besonderes sehr zufrieden, aber dennoch ein wenig vom Gesamtpaket enttäuscht. Ich hatte gehofft, den Flyer als Universalist auf dem Spinnrad montiert lassen zu können, aber es hat sich gezeigt, dass er eher Spezialist ist. Was bedeutet, dass ein schneller Projektwechsel recht umständlich wird, aber immerhin werkzeuglos von Statten geht.
Dafür bietet der Bulky-Plyer-Flyer-Spinnkopf eine unglaubliche Einzugsöffnung von mehr als 2 Zentimetern, die ihresgleichen sucht. Der Herstellung von Art-Yarn und schwangeren Regenwürmern steht somit nichts mehr im Wege und so werde ich hoffentlich im nächsten Artikel von meinen ersten Vorbereitungshandlungen zum Kissen-Projekt berichten können.

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