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Mein Leben ähnelt im Moment einer Fahrt auf der A5: ich gerate in eine Dauerbaustelle nach der anderen. So auch auf Handarbeits-Ebene:
das Webstuhlprojekt, Schnuckenfrust, meine neue Trommel, Wollkämme, Schärrahmen, Rohwolle…
irgendwie müssen alle Projekte noch fertig werden, bevor ich umziehe und dann evtl. weder Werkstatt noch Terrasse mehr habe.

Deshalb musste ich das tropische Wetter der vergangenen Tage nutzen und habe mich an die Verarbeitung meiner Rohwoll-Bestände (Waldschaf und Merino) gemacht.

Waldschafwolle… bei dem Namen konnte ich nicht widerstehen. Ich liebe den Wald, ich liebe Wolle, das musste doch einfach passen! Als ich dann noch las, dass die Waldschafe zur Kategorie 1 der extrem gefährdeten Haustierrassen gehören, war schon allein das ein Grund für mich, mir die Wolle genauer anzusehen. So habe ich im Spinnforum ganz laut „Hier!“ gerufen, als sich die Gelegenheit bot, an ein solches Vlies zu kommen.
Und was ich schließlich aus dem Karton packte, ließ mich wirklich staunen:
weiche, lange Locken, relativ sauber und zusammenhängend, fast kein Kot und ziemlich wenig Einstreu – schön! Doch vor allem nicht mischwollig wie bei den Schnucken!!!
Überrascht war ich von dem unglaublich hohen Lanolingehalt, der die Wolle geschmeidig und wasserabweisend macht. Damit hätte ich, denaturierter Ex-Städter der ich bin, nicht gerechnet.

 

Da das Rohwollewaschen absolutes Neuland für mich darstellt, entschloss ich mich zu einer kleinen Versuchsreihe. Ich ließ das Vlies wie es war, denn ohne Erfahrung konnte ich sowieso nicht abschätzen, was man besser aussortieren sollte und trennte lediglich einige Stücke ab, die bequem in einem Putzeimer Platz fanden. Dann machte ich mich an die Arbeit:

Portion 1 wurde über einen Zeitraum von 5 Tagen immer wieder in kaltes Leitungswasser mit einem Schuss Spüli bzw. Wollwaschmittel (ich verwende das weißliche Flüssig-Wollwaschmittel von Aldi-Süd ohne Parfümstoffe) eingeweicht .
Portion 2 wurde nach dem Einweichen über Nacht (in kaltem Wasser mit ein wenig Wollwaschmittel) durch viele häufige Wasserwechsel (ohne die Zugabe weiterer Waschmittel) mit kaltem Wasser aus der Leitung unter zum Teil erheblichem Körpereinsatz gespült. *schwitz*
Portion 3 wurde kurz in kaltes Wasser mit einem Schuss Waschmittel gespült und eingeweicht und anschließend in einem alten Kissenbezug im Kaltwaschgang mit Wollwaschmittel gewaschen und bei 500 Touren geschleudert.

Ergebnis: die mühsame Handarbeit (Portition 2) ist am schönsten.
Die „Waschmaschinenwolle“ (Portion 3) ist zwar genauso sauber, wird aber mehr Arbeit machen, da hier noch viel Klein-Grünzeug zwischen den Fasern hängt, das beim Waschen und Kneten der anderen zwei Proben ausgespült wurde.

Da ich mich nun für ein Vorgehen entschieden hatte, konnte ich am nächsten Tag die restliche Wolle bearbeiten. Nach dem Einweichen im Kaltwasserbad mit Wollwaschmittel machte ich mich nachmittags an die ersten Spül- und Säuberungsdurchgänge unter laufendem Wasser. Nur kurz!, so sagte ich mir selbst, damit ich mich noch duschen und umziehen konnte, bevor die bevorstehende Hausbesichtigung am Abend stattfinden sollte.
Hm.
Ich begann also zu spülen. Bei gefühlten 50°C im Schatten, über die Wasserstelle auf der Terrasse gebeugt, rührte ich in Eimern und Schüsseln, schüttelte und knetete, schwitzte und arbeitete wie eine Verrückte. Die langen Haare hatten sich gelöst und hingen mir wild ins Gesicht, das T-Shirt war nass von Schweiß und Schafswoll-duftendem Spritzwasser, die Hose vollgetropft und die Wolle wurde sauberer und sauberer, bis…
ja, bis es an der Tür klingelte. Und ich mal wieder feststellen musste, dass Einstein recht hatte:
Zeit ist relativ. 😉
Ich bin nicht da!, war mein erster Gedanke, der von einem ernüchterten Ich muss aber! abgelöst wurde. Und so eilte ich an die Tür, eine kleine Dreckspur durch das frisch geputzte Wohnzimmer ziehend, und versuchte wenigstens noch die Haare zu einem ordentlichen Pferdeschwanz zu binden, bevor ich verlegen öffnete. Der entsetzte Blick des Mannes vor der Tür änderte sich auch bei meinen krampfhaften Erklärungsversuchen kaum und mit versteinertem Gesichtsausdruck, um auffallend Abstand bemüht, folgte er mir ins Haus.
Nun ja, die Besichtigung war recht schnell beendet und ich würde die Vorhersage wagen, dass er das Haus nicht kaufen wird – vermutlich hätte sich ein Poltergeist im Keller weniger schlimm ausgewirkt als meine verunglückte Miss-Wet-T-Shirt-Darstellung.

Aber immerhin sorgte die Unterbrechung dafür, dass ich mit frischer Energie meine Wollwaschorgie beenden konnte, bevor ich mich dann endlich mit einem eiskalten Radler schwitzend, stinkend, aber zufrieden grinsend, in einen Stuhl sinken ließ und mein Tageswerk betrachtete.

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